Zeichentechnik: Verwischen

Schraffieren und verwischen

Als ich vor vielen Jahren mit dem Zeichnen anfing, gab es noch kein Internet. Ich besaß nahezu keinerlei Vergleichsbilder, an denen ich die Qualität einer Zeichnung erkennen konnte. Ich hatte auch keinen Lehrer, der mir erklärte, worauf es beim Zeichnen zu achten galt. Ich zeichnete, wie es mir in den Sinn kam. So geschah es, dass ich von ganz allein anfing, Zeichnungen zu verwischen. Ich mochte die feine, gleichmäßige Fläche, die sich mit dem Verreiben von Grafit erzielen ließ und versuchte, immer gleichmäßigere Flächen zu verwischen und im nächsten Schritt Details obendrüber zu zeichnen. Der Effekt gefiel mir.

Erst Jahre später erfuhr ich von einem Design-Professor, dass Verwischen das ultimative Böse ist. Wer Bilder verwischt, ist kein Zeichner! Ein Strich ist ein Strich, ihn zu verwischen ist unsauber und verfehlt den Sinn einer Zeichnung gänzlich. Allenfalls sei eine Schraffur denkbar! Es fielen Künstlernamen, die ich allesamt vergessen habe. Bedeutende Zeichner verwischen nicht! Sie setzen ihre Striche immer an die richtige Stelle und erlangen durch diese korrekte Platzierung die einzigartige Aussage ihrer Bilder. Und so weiter und sofort. Kurz gesagt: Wer verwischt ist ein dilettantischer Stümper, der die Bezeichnung Zeichner nicht wert ist. Hier verbirgt sich mehr Diskussionspotential als Quark auf meinen Kartoffeln.

Genug der Einleitung. Wer Aussagen in Striche stecken will, soll Aussagen in Striche stecken. Wer schraffieren will, soll schraffieren. Wer verwischen will, soll verwischen.
Ich erkläre dir auf dieser Seite, wie du verwischst und deine Zeichnung mit glatten Flächen bereicherst.
 
Nützlich beim Zeichnen:

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Wofür eignet sich die Verwisch-Technik?

Das Verwischen ist eine Technik, auf die ich gern zurückgreife. Sie eignet sich besonders für hell-dunkel Farbverläufe im Hintergrund oder das Abbilden samtweicher Haut. Allerdings erfordert sie etwas Übung. Zu schnell hat man zu viel Grafit verwischt und einen großen, schwarzen Klumpen hingeschmiert, der das gesamte Bild versaut. Vorsicht ist also das oberste Gebot. Doch dazu später.

An den folgenden vier Beispielen erkennst du, welche Arten von Motiven sich gut verwischen lassen: Dunkle Flächen verwischen

Falls dein Motiv sehr düster ist oder evtl. eine Landschaft bei Nacht darstellt, bietet es sich an, den Hintergrund deines Bildes zu verwischen. Durch das Verwischen erzeugst du du eine homogene Fläche mit intensiverer Dunkelheit. Düstere Himmel oder konturlose, schattige Wiesen lassen sich prima verwischen.

Glatte Flächen verwischen

Wolken, Wasser und andere Strukturen mit glatten Oberflächen verwische ich ebenfalls sehr gern, bevor ich Details darüber zeichne. Das Verwischen spart Zeit und sieht gut aus. (Finde ich jedenfalls. Aber ich liebe ja auch Kartoffeln mit Quark.) Spiegelungen sind fürs Verwischen geradezu prädestiniert, weil Spiegelungen ohnehin immer etwas verzerrt sind. Unruhige Strukturen mit zahlreichen Details verwische ich nicht, sonder schraffiere sie. Die hügelige Wiese habe ich z.B. schraffiert, weil eine glatte Oberfläche unangemessen wäre. Eine Wiese ist aus der Nähe betrachtet stachelig. Der Kontrast zwischen glatt und stoppelig ist auf dem Bild mit dem Wasservogel gut zu erkennen.

Portaitzeichnung verwischen

Glatte Haut lässt sich wunderbar verwischen. Er erzielte Effekt kommt der Realität näher als es jede Schraffur erreichen könnte. Willst du ein glattes, junges Gesicht zeichnen, verwende die Verwisch-Technik. Hierfür brauchst du aber sehr viel Übung. Es gibt ein paar Tutorials auf meiner Webseite, die hier genau ins Detail gehen.
 
Weiterführende Literatur:

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Dunkle Flächen verwischen

Schatten ist dunkel. Es liegt also auf der Hand, ihn durch Verwischen aufs Papier zu bringen. Man dunkelt den entsprechenden Bereich zu erst ab und zeichnet dann die Details darüber. Auf dem Bild mit der Rose erkennt man den Schatten im Hintergrund und die obendrüber gezeichnete Struktur besonders gut.
 

Verwischen? Wie verwischt man?


Womit verwischt man?

Das Grundprinzip ist einfach: Zunächst muss Grafit aufs Papier, dann wird es verwischt. Das ist das alles. Im Detail gehst du so vor:

1. Sehen
Erkenne oder überlege, welche Bereiche deines Motivs dunkel sein sollen. Als Beispiel nehmen wir uns einen Schmetterling, der vor einem düsteren Hintergrund sitzen soll. Diesen Hintergrund wollen wir verwischen.

2. Schraffieren

starte mit einer Schraffur
Verdunkle die entsprechenden Stellen mit einer leichten Schraffur. Je feiner die Schraffur, desto besser lässt sie sich verwischen. Ich wähle meistens eine Kreuzschraffur, weil sie dichter und gleichmäßiger abdunkelt. Fasse dazu deinen Bleistift weit hinten an, halte ihn schräg und verteile mit der Breitseite der Mine großzügig Grafit. Versuche, gleichmäßig in alle Richtungen zu schraffieren, damit du einen gleichmäßige, glatte Fläche erzeugst. Sei zunächst vorsichtig und trage wenig Grafit auf, denn es lässt sich nicht mehr sauber entfernen!

3. Verwischen
verwische die Schraffur
Verwische das Grafit mit einem Taschentuch, einem Estompen oder einem Pinsel. Mein Favorit ist das Taschentuch, weil es das saubere Verwischen großer Flächen ermöglicht. Nimm bitte ein sauberes, noch zusammengefaltetes Taschentuch und streiche damit mit sachtem Druck über das Grafit. Achte wirklich auf moderatem Druck! Zu viel Druck verschmiert alles und führt zu hässlichen, grauen Schlieren. Verliert dein Taschentuch Fasern oder bekommt ein Loch, übst du zu viel Druck aus. Nimm ein neues Taschentuch oder wechsel die Ecke. Verwische vorsichtig und streiche mit dem Taschentuch in alle Richtungen, damit weder Muster noch Wisch-Richtungen erkennbar werden.

4. Wiederholen
verwische die Schraffur erneut
Ist deine Fäche noch nicht dunkel genug. Springst du zu Schritt 2 zurück und trägst erneut Grafit auf. Schraffiere in alle Richtungen und decke den Bereich möglichst gleichmäßig ab. Dansch wischst du mit deinem Taschentuch darüber.

5. Wiederholen
verwischen, bis alles dunkel genug ist
Bei besonders dunklen Bereich trägst du mehr Grafit auf oder wiederholst Schritt 2 und 3 beliebig oft.

6. Details
Details über die Schraffur zeichnen und radieren
Wenn dein Bereich dunkel genug ist, zeichnest oder radierst du Details darüber.
 
Beim Zeichnen nützlich:

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Tipps fürs Verwischen


Du solltest immer vorsichtig schraffieren und nur wenig Grafit auftragen, auch wenn der Bereich, den du verwischen willst, sehr dunkel ist. Wiederhole lieber den Wechsel zwischen dem Schraffieren und dem Verwischen, statt in einem Schritt zu viel Grafit aufzutragen. Schraffiere und verwische auf einer geraden Unterlage. Selbst kleinste Unebenheiten führen zu unerwünschten Streifen und Punkten.
Verwische am Anfang einer Zeichnung, damit du keine Details verschmierst. Möchtest du eine grobe, dunkle Struktur wie z.B. eine Mauer zeichnen, verwischst du zuerst ein paar Schraffuren und lässt dann die letzte Schraffur verwischt stehen. Der Untergrund ist dann dunkel, aber die Oberfläche trotzdem grob. Erkennst du bereits, dass eine Fläche in eine bestimmte Richtung verläuft, schraffierst du auch nur in diese Richtung und wählst die Parallel- statt die Kreuzschraffur. Auch beim Verwischen wischst du nur in eine Richtung. So erschaffst du natürliche Linien und Verläufe, die eine Strukturrichtung andeuten.

Was sind Estompen oder Papierwischer
 
Verwischen mit Taschentüchern oder  hiermit:

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Verwende Estompen nicht für Flächen. Estompen, auch Papierwischer genannt, sind wie Stifte, die Grafit punktuell verreiben. Sie eignen sich nur für kleinere, dunkle Details, die weich erscheinen müssen.
Dunkle Flächen werden verwischt
 
Ich empfehle diese Radierer:

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Mit Radierstiften kannst du abschließend weiße Linien in verwischte Flächen ziehen und damit hübsche Effekte erzeugen.


 
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